Diese Seite drucken

Zwei Raben Gipfel

VisionsSuche, Mann, 33 Jahre, Musiker

Einfach nur dasitzen, staunen. Ganz langsam ein Teil der Umgebung werden, zusammenfließen. Das Äußere in sich aufnehmen, das Innen nach außen stülpen. Ich atme. Der Berg atmet. In seinem Rhythmus zieht er die Wolken an, entlässt sie wieder. Wie schnell doch mein langsamer Atem noch ist, im Vergleich zu dem der Natur. Ich beginne mich der Dimension der Unendlichkeit zu nähern, genieße Zeitlosigkeit, ohne Uhr, ohne Plan.

Wie einfach kann das Leben sein! Wenn ich Durst habe, gehe ich zum Bach hinunter. Wenn es dunkel wird, lege ich mich schlafen. Doch ich ruhe nur. Mein Geist wandert. Die starke Energie des Universum erzeugt Ladung in meinen Körperzellen, eine positive Anspannung. Dieser Fluß der Energie schenkt mir mehr Regeneration, als ich durch Schlaf erhalten hätte. Ich lege ein altes Muster beiseite, dass der Mensch immer schlafen muß. Wie oft fühlte ich mich nach langem Schlaf den ganzen Tag träge.
Einmal besuchte mich eine Heuschrecke, demonstriert mir ihre Singkunst mit ihren Hinterbeinen. Sie teilt mir mehr mit, als viele schlaue Bücher. Mein Sprechen sollte ein Singen sein, mein Gehen ein Tanzen. Meine Beine tragen mich durch die Welt. Ich fühle große Dankbarkeit, dass ich mich rhythmisch fortbewegen und damit auch mitteilen kann. Singend und tanzend, klatschend und stampfend.

Lange verfolge ich mit den Augen ein Rabenpaar. Ein Zwillingsgipfel grüßt von weit oben. Wolken zeichnen Bilder von Tieren, Frauen. Ich weiß solche Zeichen nicht gleich zu deuten. Das ist auch nicht wichtig. Mein höheres Selbst versteht schon. Jede Kleinigkeit ist wesentlich. Ich nehme war. Alles ist wahr hier, nichts gekünstelt oder überflüssig.
Ein Feuer entzünde ich nachts. Ein Geschenk. Ich verbrenne zuvor abgeschnittene Haare. Beobachte den Tanz, den Gesang. Alles tönt und bewegt sich. Auch die Berge, auf ihre Art. Die aufgehende Sonne schenkt ganz anderes Licht. Hell und warm wie nie, unendlich erhaben, Lebensquell. So viel Schönheit empfangen. Die Kälte der Nacht vergessen.

VisionsSuche vier Wochen danach

Die paar Tage in den Bergen waren ganz schön hart. Die Bilder haben sich tief eingeprägt. Einige Male hat es mich seither hinausgezogen, auch mit Schlafsack, doch meist war das Fleisch träge, das Bett zu Hause verlockend.

Ich erhielt ein paar Lieder in den Bergen, auch den Hinweis, dass diese Art der Inspiration sich in der Natur am deutlichsten ereignet. Schon in früheren Zeiten schrieb ich draußen Gedichte oder Texte doch vernachlässige ich diese Quelle. Es erfordert einfach Zeit und den Glauben daran. Letzteren habe ich, die Zeit nehme ich mir nicht oft genug.
Deshalb jetzt auch mein Aufbruch zur ersten großen Reise. Es soll in den Süden gehen, zu verschiedenen spirituellen Gemeinschaften, wo ich liebe Menschen und vor allem meine Aufgabe zu finden hoffe. Auf dem VisionsSuche erfuhr ich, dass diese mit Natur, Musik und Jugendarbeit zu tun haben soll. Dies sind einfach die Bereiche, die mir in dieser chaotischen Zeit am sinnvollsten erscheinen. Dies kam nicht als großartige Vision zu mir, sondern es stieg ganz langsam aus der Ruhe empor, umrahmt von diesem großartigen Bergpanorama. VisionsSuche bot mir also einen passenden Rahmen mit viel Zeit und einfach nur warten, was passiert.

Seitdem verändert sich meine Meditation. Ich kann einfach nur still sitzen, ohne ein Mantra zu benutzen, in mich horchen und zuhören, was da entsteht. Schon lange habe ich die Angewohnheit, diese innere Stimme aufzuschreiben. Ich nenne es zur Zeit mein Höheres Wesen. Doch mir ist klar geworden, dass es ein Teil von mir selbst sein muß, kein getrenntes Wesen außerhalb.

Nun sitze ich also oft und halte kleinen VisionsSuche zu Hause auf dem Meditationskissen. Es tauchen immer Bilder auf. Jedes hat Bedeutung. Die Reise ins Äußere ist gar nicht notwendig, um meine Aufgabe zu finden, doch gehört es wohl trotzdem zu meinem Weg, dem eines Wanderers.

Two Raven Peak