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Zwei Pfade der Stille

Die Nacht im heiligen Steinkreis

Die Fülle an Erlebtem im vorbereitenden Trainingslager und die bereits vergangenen drei Tage und Nächte fastend auf dem heiligen Berg bringen nun jenen Augenblick hervor, der mich meinen Atem anhalten lässt.

Ich betrachte den heiligen Steinkreis. Vollendet. Das Werk des dritten Tages. Leerer Körper, klopfendes Herz; gedankenverloren versuchte ich heute morgen meine Schritte sorgfältig zu lenken, durch die regennasse Landschaft. Endlich hatte es aufgehört zu regnen. Ich bat das Mineralreich, mich zu jenen Steinen zu führen, welche das Steinvolk mir leihen möchte für den magischen Kreis. Es war als könnte ich von außerhalb meinen Körper beobachten, wie er sich mühsam einen Weg bergwärts suchte. Als erstes fand ich den Stein des Ostens und einige kleinere Steine für den Steinkreis. Vielmehr aus Not, denn aus Tugend setzte ich mich am Fluß dort nieder und verrichtete meine Morgenmeditation. Meine Beine zitterten. Abstieg im Zeitlupentempo mit der Last der Steine zu jener Felsplatte unweit meines Schlafplatzes, wo ich beabsichtigte, meinen Kreis aufzubauen. Den ganzen Tag Steinsuche, ausruhen, Steinsuche, meditieren, Atemübungen, Tagebuch schreiben – weise meine Kräfte einteilend.

Ich danke dem große Geist, der nun für heute und offensichtlich die kommende Nacht die Engel der Stärke ( Regen, Nebel, Wind) abberufen hat. Bang im Herz, frierend an Leib und Seele hatte ich während des heftigen Regens ( einen Tag und eine Nacht lang) immer wieder um die Engel der Stille gebetet, die nun ihre Schwingen in wunderbarere Weise über unsere Alpe ausbreiten.

Ich betrachte abwechslungsweise den Abendhimmel und meinen Steinkreis. Was wird aus dieser Nacht, was wird aus mir werden? Zögern und Entschlossenheit zugleich sind da. Trotz unzähliger Kleiderhüllen friert mich. Längst verspüre ich keinen Hunger mehr. Vielmehr ist es als würde das Fasten an meinen Knochen knabbern, weil alle Vorratssubstanz bereits verzehrt worden ist. Werde ich es schaffen, wach zu bleiben, werde ich durchhalten? Was, wenn keine Vision sich mir zeigen wird? Schert euch zum Teufel ihr Dämonen! Solche Gedanken habe ich doch dem Feuer übergeben, unten beim Basislager, kurz vor dem Aufbruch auf den Heiligen Berg. Noch ist Monte Rosa verhüllt, die übrige Alpenkette ringsumher ist nun frei von Wolken und Nebel. Kleine graurosa Wölkchen bilden eine Dreieckform vor dem Monte Rosa. Da auf einmal lässt sich eine kleine, reine, weiße Spitze des mächtigen Bergmassivs erblicken, stimmt mich zuversichtlich und ich nehme es als ein Zeichen, nun den Heiligen Kreis zu betreten.
Ich hebe auf den Stein des Ostens, der Kraft des Feuers, der Kraft der Transformation und der Wandlung und trete ein in den magischen Kreis. Dieser Moment hat die Qualität von etwas End- Gültigem. Ich versuche , mich einzurichten mit meinen mitgebrachten Habseligkeiten. Plötzlich schäme ich mich der beiden Plastiksäcke, Zeugen einer plastifizierten Zivilisation, denen ich verdanke, dass mein Holz für das Feuer vom großen Regen verschont blieb. Ich lege das Holz neben den Feueraltar und stopfe eiligst die Plastiksäcke in meine Stofftasche.

Ich begrüße die vier Himmelsrichtungen, grüße die Kraft des Feuers, des Wassers, der Erde und der Luft und bitte die Elementarwesen und die Devas um Unterstützung und Hilfe. Ich verneige mich vor Großmutter Erde und grüße die Sternen Brüder und Schwestern die zunehmend heller leuchten je weiter Großvater Sonne seine Reise fortsetzt hinter den Bergen. Adieu Sonnengott, mir ist bang. Es wird allmählich dunkel, Fledermäuse huschen knapp über meinem Kopf durch die Nacht. Ich singe das Gayatri Mantram, das Lied des Lichts in Sanskrit: Oh Du, der Du das Universum erhältst, von Dem alle Dinge ausgehen, zu Dem alle Dinge zurückkehren.. auch diese Nacht des Sterbens, denke ich. Ich finde Trost bei diesem Gedanken.

Hie und da versuche ich, ein Bein zu strecken , ansonsten sitze ich auf meiner zusammengerollten Gummimatte mit angezogenen Knien. Ob es wohl Zeit wird das Feuer zu entfachen? Ich singe und rufe die Kraft des Ostens, der Kraft des Feuers. Hey oh, Hey oh, hey, hey, heyoh! Eine aufblitzende Sternschnuppe ist mir Zeichen, das Feuer nun zu entzünden. Dem Waschbär abgeguckt versuche ich, zuerst trockenes Gras und dürre Wacholderästchen zu entzünden. Kurzlebige Flämmchen erhellen meinen Feueraltar. Hätte ich doch bloß meine Kerze mitgenommen. Ich knie nieder puste und blase wie wild. Mir wird schwindlig und meine Glieder schmerzen. Abwechslungsweise puste und blase ich meine armselige Feuerstelle und meine verbrannten Fingerspitzen. Vermaledeites Feuerzeug! Oh Ihr Götter des Feuers, seid mir hold, ich bitte Euch. Vielleicht muß ich sterben ohne das letzte tröstliche Licht des Feuers?

Durch all mein Bemühen und mein Flehen um Unterstützung der Elementarwesen und der Devas tanzen nun endlich kleine Flammen über den Gluten. Ich durchwandere in Gedanken mein ganzes Leben, alle wichtigem Stationen, alle Menschen die mir nahe standen und stehen und alles, was mir derzeit noch wichtig erscheint, wo ich noch anhafte. Auf einmal ist mir, als würde mein Da-Sein aus jeder Zelle, aus meinem physischen, Astral- und Mental-Körper in das Feuer des Sterbens, dem Element der Transformation fließen. Ich bete, meditiere. Oh mein Herz, wirst du nun gleich stillstehen? Plötzlich meldet sich die Weiße Feder neben dem Faueraltar, Symbol einer Vision, empfangen vor einigen Monaten. Ich übergeben sie dem Feuer, lasse sie los. Blitzschnell und fast lautlos ist sie aufgelöst. Ich meine den Tod aller Tode zu sterben. Hey oh, hey,hey hey oh! In der sternklaren Nach verliert sich mein leises Singen.
Um meinen frierenden Körper noch einmal etwa Leben einzuhauchen, versuche ich aufzustehen für eine Schüttelmeditation. Aber meine steifen Gliedern ist nicht danach. Setze mich wieder hin mit angezogenen Beinen an deren Ende zwei Eisklumpen in Bergschuhen stecken. Mir ist so bange, schaue auf zum Sternenhimmel. Das Feuer ist inzwischen verloschen. Noch leuchtet ein kleiner Glutherd. Ich bin leer und beobachte Fratzen und Dämonen, die in der wechselhaften Glut auftauchen. Die längste Nacht meines Lebens. Ich kämpfe gegen Erschöpfung und Einschlafen. Ich trommle mit behandschuhten Fäusten auf meine Knie. Verzweiflung. Über mir wandern die Sterne, sie haben es nicht eilig. Da und dort Sternschnuppen, die ich teilnahmslos betrachte. Jetzt sind es noch zwei letzte Glut-Funken die sterbend tanzen, auslöschen und wieder aufglühen, zwei kleine widerspenstige Lichter, die um ihr Leben kämpfen.
Plötzlich starre ich ins Dunkle. Tod. Leere. Ich möchte schreien, aufbegehren. Bin zu schwach. Großer Geist, gib mir den Mut auszuhalten. Die Leere, die Kälte, die Erschöpfung, das Nirgendwo, den Tod. Das Gebet des Heiligen Bruder Klaus ist erlösendes Geschenk. Nein, es gibt nichts mehr zu verlieren. »Mein Herr und mein Gott, nimm alles von mir was mich hindert zu Dir. Mein Herr und mein Gott, gib alles mir, was mich fördert zu Dir. Mein Herr und mein Gott, nimm mich mir und gib mich ganz zu eigen Dir.«
Wird Dämmerung je wider hervortreten? Wird es je einen neuen Tag geben? Meine Seele schwebt irgendwo zwischen Himmel und Erde. Wer ist diese Gestalt, die mit angezogenen Knien im Steinkreis sitzt vor erloschenem Feuer?

Oh großer Geist lass es Tag werden! Doch noch Anspruch auf Leben? Leben heißt Visionen haben. Wo ist meine Vision? Großer Geist, hast Du mich verlassen? Weißt Du denn nicht, dass mein derzeitiges Leben ein einziges großes Fragezeichen ist?
Keine Leuchtschrift am Himmel, die mir sagt wie es weitergehen soll. Kein Zeichen. Nicht die leiseste Botschaft, kein Windhauch STILLE ...
Ein zarter Lichtstreifen am Osten verkündet den Sieg des Lichts über die Dunkelheit. Bin ich gestorben um eine Vision willen oder bin ich gestorben, um den Tod zu erfahren? Ich versuche, aufzustehen. Singe den heiligen Laut OM. Allmählich erscheint Monte Rosa in goldenem Morgenlicht. Wie machtvoll und leuchtend feierst du deine Auferstehung nach dem langen Regen.

Ich greife nach dem Stein des Südens, der Kraft des Wassers, der Kraft des Lebens, der Bewegung, des Flusses und der Leichtigkeit und tue meinen ersten Schritt heraus aus dem magischen Kreis. Wie in Trance schaffe ich meine Habseligkeiten zum Schlafplatz. Eine Ewigkeit dauert es bis ich die Steine des heiligen Kreises zurückgetragen habe in den Garten der wilden Natur. Rückerstattung und Dank an das Mineralreich. Rucksack packen. Plastikplane falten, Schlafsack aufbinden – Herkulesarbeiten. Ich danke Großmutter Erde für diesen zauberhaften Schlafplatz. Mutter Lärche, Kind Lärche, winziges Tännchen, hohes Riedgras umgestürzter Baumstamm, bewohnt von Eule, Seepferdchen und Nashorn. Blattloses knorriges Geäst, du bist Ganesha, Gott der Fülle. Ich verabschiede mich von allen Wesen und danke für ihr Dasein.
Ein großer Rucksack mit kleiner Gestalt torkelt nun bergabwärts, durch Dickicht von Blaubeer- und Wacholdersträuchern. Dazwischen unsicherer Transfer von einem Stein zum andern. Werde ich es schaffen hinunter bis zum Basislager? Die offene Wiese von Alpe Meccia bietet ein friedliches Bild. Schon sind einige Mäuse, sprich Gruppenmitglieder zurückgekehrt vom Heiligen Berg, streifen bedächtig durch Himbeer- und Blaubeersträucher und feiern Fastenbrechen mit den wunderbaren aromatischen Beeren. Auf dem Dach der einen Steinhütte sind Schlafsäcke und Kleider ausgebreitet zum Trocknen. Noch letzte Schritte sind zu vollbringen. Ich sinke hin mit Rucksack und weine haltlos.

Aus dem Kamin der gegenüberliegenden Hütte steigt Rauch auf. Nach kurzer Verschnaufpause zieht mich dieser Duft an. Shanti Mook, der Waschbär, die Hebamme begrüßt mich mit den Worten: »Sei willkommen bei den Menschen:« Seine Umarmung fühlt sich unendlich gut an.

Heimkehr, Versöhnung, Frieden, tiefes Glück. STILLE:
Two Path Silence