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Thementexte

Oya 11/2010 "Schmetterlingszeit"
Auszug: Ausweg in wilde Freiheit  weiter

Visionssuche, eine intensive Selbst- und Naturerfahrung, entfaltet ihre größte Wirksamkeit, wenn sie als zeremonielles »Gesamtkunstwerk« gestaltet wird, Schwelle eines Lebensübergangs. Sinnvoll ist sie, wenn alte Verhaltensmuster nicht mehr tragfähig sind, das Neue noch nicht geboren ist. Gerade für junge Menschen im Übergang ins eigenständige Leben bietet sie sich an, für die wütend vorwärts Drängenden, die mit den größten Potenzialen,
mit der größten Lebenswut. Oft sind Menschen heute gehemmt, trauen sich selbst nichts zu, zweifeln, leiden unter dem Stau unerwünschter Emotionen. Eine existenzielle Begegnung mit
der inneren und der äußeren Natur macht im urbanen Alltag eher Angst, wird verdrängt. Auch erlaubt die Hektik des alltäglichen Pflichtprogramms selten den Raum, kundige Mentoren zu finden und um Unterstützung zu bitten. Damit wir uns im »ganz normalen « Leben zurechtfinden, lehrt uns unsere Kultur vor allem den Umgang mit Techniken, die uns scheinbar vor Einflüssen der wilden Natur schützen wollen, uns ein bequem-zivilisiertes Leben erlauben.
Alles ungezähmt Lebendige erscheint verdächtig.

Im Alleinsein in der Natur entsteht eine ganz andere Erfahrung. Durch die Präsenz der Gruppe und die achtsame Begleitung durch die Leiter erhalten die Suchenden ein Band des Vertrauens,
das zum Bleiben im Sturm der Herausforderung und zur Überwindung der Angst verhilft.

Das Mitgefühl – in Schmerz und Freude – mit sich selbst und den anderen, die in der Gruppe einen ähnlichen Weg gehen, die Vergleichbares erleben und von sich mitgeteilt haben, führt direkt zurück in die soziale und ökologische Verbundenheit mit dem, was außerhalb von uns ist: die Welt. An der Nahtstelle zwischen innen und außen ist es, wo durch das Erleben von sinnlicher Berührung – durch Wind, Sonnenwärme, Regen, Pflanzen und Tiere – etwas jedem
Innewohnendes eingeladen und aufgeweckt wird, das neuen Lebenssinn entstehen lässt: das tiefe Empfinden dafür, zur natürlichen Welt zu gehören und einen Platz unter den Menschen auf der Erde zu haben, wo ungebrochenes Lebensrecht eine existenzielle Grundbefindlichkeit unterschiedslos aller ist.

Visionssuche ist – das weiß ich aus bald zwanzigjähriger praktischer Anwendung – fähig, die unbewusste Hypnose der modernen Menschen aufzubrechen, einen Ausweg in »wilde Freiheit« aufzuzeigen, zu berühren und berührbar zu machen. Junge Menschen können im Erleben von essenzieller Bezogenheit aufeinander, mit den Begleitern aus älteren Generationen, mit Pflanzen, Tieren und kosmischen Elementen in unverstellte Berührung kommen.Sich in Kontakt erfahren, unvermittelt und intim, von Du zu Du – das ist eine unvergessliche Erfahrung von Zusammenklang mit der Welt. Empathie wird substanzielle Erfahrung und reale Befindlichkeit;
Kooperation wird lebensfördernde, biologische Konsequenz. Nur wenn wir uns – wohlwollend und das Beste erwartend – gegenseitig unterstützen und fördern, werden wir genau das erfahren können.

Connection 02/2010   "Über die Schwelle treten"

Connection 7/2009 "Abenteuer Wildnis"

Bachelorarbeit von Florian Fulterer: Pädagogik des Wandels. Betrachtungen und Impulse zu einem bewussten Umgang mit Lebensübergängen am Beispiel des Visionssuche-Ritus

 

Lebenskrise als Wachstumschance - Grundlagen schamanischer Psychologie

Wachstum spielt sich in der Natur in zwei sich ergänzenden Prinzipien ab: in Kontinuität und in Sprüngen. Wandel ist dabei eines der fundamentalen Phänomene des Lebens. Jede Veränderung stellt für den erreichten Standard eine Bedrohung dar, stürzt die gerade erst erlangte Ordnung wieder in ein Chaos.
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Der Übergang zwischen Ordnung und Chaos ist die Krise: eine Chance jedes lebendigen Systems, sich weiter zu entfalten, seiner Bestimmung, seinem Ziel, seiner Vision näher zu kommen.

Bereits mit der Zeugung, der »Konzeption« und in allen weiteren Entwicklungsschritten des frühen Embryo begegnen wir der formativen Kraft der Krise: das im Ausgang stets offene Spannungsverhältnis zwischen Leben und Tod ist hinfort allgegenwärtig. So ist leicht erkennbar, dass die früh im Mutterleib erworbenen Lebensmuster im Umgang mit der unvermeidlichen »Lebenskrise als Wachstumschance« stetig wiederholte Anwendung im späteren Leben finden. Das bedeutet, dass wir uns in existentiellen Lebensübergängen stets nach dem Muster unseres prägenden ersten, prä- und perinatalen Verhaltens richten: wir wiederholen, was wir als erfolgreich erfahren haben, denn es hat uns im Angesicht des Todes (etwa während der Geburt) zum Überleben verholfen. So zeigt sich in jedem Tod das Gesicht der Geburt, in jedem Ende der Neubeginn.

Für uns Menschen gilt das genauso wie für alle anderen Wesen. Nur wenn wir uns hingeben, können wir uns finden. Wenn wir loslassen, können wir beschenkt werden und wenn wir bereit sind zu gehen, können wir bleiben. Die Arbeit mit Naturritualen findet im Erkennen dieser Chance, die in jeder Krise steckt, ihren Königsweg. Doch um ihn zu beschreiten braucht es Mut, Erfahrung, Wissen und vor allem: Vertrauen.

Das Ritual ist die Sprache der Seele. Bilder, Symbole und Zeremonien beschreiben die unsichtbaren Gestalten, Bewegungen und Bezüge der inneren Welt. Wenn wir von „NaturRitual" sprechen, meinen wir damit vor allem die natürliche, wilde Qualität der Bilder, Symbole und Zeremonien, die Mut und Kraft spenden für die Passage durch die Phasen der Krise, den Übergang in das Unbekannte begleiten und ermöglichen sollen.

Bewegung kann Erstarrung beenden, Berührung will Vereinzelung erlösen. Kontraktion wird von Ausdehnung abgelöst, das Harte ergibt sich, wird vom Weichen umschmeichelt.

Das NaturRitual ist eine Lebenshilfe und zeigt der Seele ihren Platz unter den Sternen. »Maturität«, die zentrale Qualität der erwachsenen Seele, ist die Verbindung der natürlichen Eigenschaften des Mütterlichen und des Natürlichen: Mater incl. Natur.

Ritual ist in diesem Sinne die Bestätigung der Richtigkeit (Ritam-vedisch) des Natürlichen und ein machtvolles Plädoyer für die Unschuld des Wilden in allen Wesen.

zur Praxis schamanischer Psychologie

Vor der Schwelle befinden wir uns im Land der Biografie. Wie, und durch wen sind wir das geworden, was wir sind? Aus welchen Quellen speist sich unsere Selbstdefinition, was ist die wahre Geschichte unserer Beziehungen? Wo in unserem Leben sind die Brüche, Traumen und Schocks, die von unseren frühesten Trennungserfahrungen herrühren? Der Lebensfragebogen ist eine Möglichkeit, sich diese Beziehungen und Wirkmuster vor Augen zu stellen. Zusammen mit der Landkarte des Genogramms kann sich ein Abbild der lange verborgenen, aber dennoch hochwirksamen Muster ergeben. Sich selbst besser kennen und verstehen lernen ist eine essentielle und wichtige Voraussetzung für das Leiten von Ritualen. Nur wer sich selbst wertschätzt und liebt, kann dies in Resonanz mit anderen erleben und das ehrwürdige Gefäß sicher halten, worin sich die unendlich empfindsame Wandlung im geheimnisvollen Dunkel vollzieht ...

Je besser vor der Schwelle aufgeräumt wird, die Kraft der Vergebung im Erkennen und Würdigen geübt wird, desto klarer werden die nötigen Schritte erkannt, die jenseits davon notwendig werden.

Das Medizin(Lebens-)rad ist eine uralte Matrix: Quelle von Weisheit, Ankerplatz für wilde Emotionen und Halt für die schweifenden Gedanken. Gerade seine zyklische und holographische Qualität ist das Zentrum meiner ganzen Arbeit mit der Natur. Das Rad ist Schnittstelle, Push Me!, Quantensprung, Pforte, Ansatzpunkt, Fluchtpunkt. Es dient als räumliche Drehscheibe, zeitlicher Hafen, Mittelpunkt für den Tanz der Elemente. Das Rad hält alles zusammen, was sich aus der Mitte heraus durch Ausdehnung und Verflüssigung, durch die Zentrifugalkraft und Dynamik des Denkens, durch das Ausstreuen des Samens, durch das Spiel der Emotionen und Jahreszeiten entfaltet.
Hier lassen sich die Dinge wieder in Beziehung zueinander setzen. Bedeutung, Sinn und GEIST sind die Zentripetalkräfte, die alles wieder zurück in die ruhende Mitte führen.
Wer lernt, sich auf die Bewegungen des Lebens- Rades einzustimmen, findet seine Stimme wieder, wird gut gestimmt sein und anderen einen stimmigen Halt zeigen können.

Was macht einen vertrauenswürdigen Mentoren aus? Hier stellt sich die Frage nach einer Pädagogik des Herzens. Echtheit, Offenheit, Selbstwertgefühl, Rapport, Klarheit, Konsequenz: wie können wir all diese wichtigen Qualitäten in uns finden, begreifen und weiter entwickeln? Fördern leitet sich ab von Fordern. Wo die Herausforderung in unserem Leben herkommt ist meist klar. Wenn sie nicht verdrängt, unterdrückt und geleugnet wird, wird sie in gesunde Bewegung münden, die qualitatives Wachstum befördert. Die in den eigenen frühen Traumata festgehaltenen Energien können erlöst und für den kommunikativen Prozess frei gemacht werden.

Aber nur, wenn Vertrauen entsteht, kann Offenheit sich dazu gesellen und ein lebendiger Austausch zwischen Seelen und Welt wird sich ereignen ...
Dies ist die Zeit für eine Geste! Wer durch das Rad gegangen ist und jenseits der Schwelle im Westen angekommen ist, wird etwas bekräftigen wollen. Er ist jetzt im Lande der »Erwachsenen« angelangt, wo das Bauen, Pflanzen, Pflegen, Zeugen und Verantworten seinen Ort hat. Die angemessene Gebärde ist eine Hinwendung zum anderen, zum »Nicht-Selbst«. Der Beginn des Reifens. Hier sollte etwas real gepflanzt werden, die Erde mit dem ganzen Körper berührt werden. Ehrfurcht bringt Erdfrucht, sagte mir einmal ein alter Bauer. Wenn dann etwas wächst, darf man es getrost als ein Zeichen des Himmels sehen.
Niemand wird auf dem Rad des Lebens zum König (im Norden), ohne dass er sich mit seinem dunkel-herbstlichen Westen innig verbunden hat, seine mature (Bestätigung) Konfirmation auf die Erde gelegt hat ...

 

Re-member your Nature - Von der Wiederverzauberung der Welt

»Wie oft habe ich mir gewünscht, einmal alles Alltägliche abzustreifen, einfach alles Alte und Verbrauchte hinter mir zu lassen? Hinaus ins Freie, das WEITE suchen! Von der Unendlichkeit des Himmels berührt undumfangen werden, mein Glück suchen in unschuldiger, kindlicher Berührung von Bäumen und Wasser, Felsen und Licht ...
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Jetzt endlich finde ich meinen Weg, hinaus in eine wilde, unberührte Berglandschaft. An einem mit allerlei krausem Moos bewachsenen Felsen lächelt mich ein lauschiges Plätzchen an, das mich einlädt, zu verweilen. Ich weiß: dieser Platz ist mein Ort der Kraft, ein Akupunkturpunkt von Mutter Erde, in den meine Energiefäden sich leicht und ohne Schmerz einsenken, bis ich angeschlossen bin an das Strömen in ihrer heißen Tiefe.
Die Zeit blättert ab von mir, wie alte Schlangenhaut. Darunter kommt eine saftige, farbkräftig schimmernde Schicht eines ganz anderen Lebens zum Vorschein: meine zeitlose Essenz erwacht und beginnt sich in mir zu räkeln und zu dehnen, wie eine muskulöse Katze nach erholsamem Schlummer ... Now ! Here! ... I remember my Nature ...

Jetzt beginne ich zu spüren: Ich bin verwandt mit den prachtvollen Berglärchen, ihrem unbändigen Lebenswillen ... Ich bin versöhnt mit der glitzernden Ferne und Stille der Sternennacht ... verschwistert mit den zarten Faltern, die über den leuchtenden Bergblumen trunken tanzen ... werde in meinem nagenden Hunger ernährt vom Trommeln der fetten Regentropfen, die aus den gewitterprallen Wolken stürzen... bin verbunden mit der tosenden Stille, die aus den dampfend und atmend  ruhenden Felsbrocken quillt ...

Dem plötzlichen glitschigen Grausen, das mich durchzuckt, als meine tastenden Finger unter dem Schlafsackrand tastend, suchend, auf den sich aufbäumenden Buckel einer prallen Nacktschnecke stoßen, folgt amüsiertes Kichern ob meiner eigenen Schreckhaftigkeit. Kein fletschender Wolf, keine Kreuzotter, auch kein grimmender Bär oder wildgewordener Jäger bedroht mich! Es ist nur ein winziger Klecker vom Schleim eines schutzsuchenden Schnecks, die gemütliche Majestät der Langsamkeit ...Dennoch schlug mein Herz für ein paar Augenblicke bis in meine Kehle ...

Ich beruhige mich schnell und fühle, daß ich ein Mitglied der wilden Naturfamilie bin, rauscht doch das Blut in meinen Adern genauso, wie die Bäche kristallklaren Wassers aus den flimmernden Höhen sich hinabstürzen in die schattig -felsigen Schluchten weiter drunten, unter meinem Kraftplatz. Meine Lungen weiten sich und schaffen Raum für das Anbranden der erfrischenden Wellen aus den eisigen Höhen weit über mir: ich kann die Gletscher riechen! Ein süß-metallischer Duft von kristalliner Klarheit.

Um mich her gehen die Tiere ihrem Tag- und Nachtwerk nach, ohne sich von mir irgendwie besonders stören zu lassen. Unter meinen Füßen lebt es, knispelt es unablässig: das Millionenheer eines nahen Ameisenhaufens geht in ruhiger Selbstverständlichkeit an seine Arbeit, untersucht und vermisst mich in stoischer Gelassenheit der Länge und der Breite nach. Wahrscheinlich haben sie bereits eine sorgfältige Analyse der von mir abgeschilferten Hautschuppen erstellt und wissen bestens über meinen aufwellenden Hunger, meine ekstatischen Schwächegefühle und meinen nach innen gekehrten Blick bescheid ...

Ein Falke stiebt an meinem Schopf vorbei, im jähen Aufschwung genauso überrascht von der plötzlichen Nähe, wie mein eigenes schreckhaftes EGO; Ich habe in dieser Sekunde keine Mühe, mir den Blick aus dem Cockpit seiner Falkenaugen vorzustellen, wie er rasenden Fluges in kraftvoll gezogenen Bögen den Hang zwischen den Lärchen hinabschießt ...

An die Würde der Sphinx erinnert mich der wissende Blick einer schmucken Gämse; mit aufschwingendem, grazilem Hals wendet sie mir ihre prüfende Aufmerksamkeit zu. Sie vertraut der Ruhe, die von mir ausgeht und zieht ohne Eile weiter; sie beobachtet mich vielleicht heimlich schon seit Stunden ...

Ich bin hier oben in 1800 m Meereshöhe, im Wohnzimmer der freiesten und wildesten Tiere und nur wenn ich ganz bei mir bin, ganz still und im ruhigen Fluidum meiner Meditation, verschmelze ich ganz mit dem großen Bild.
Shanti E. Petschel «

 

Abenteuer Wildnis - Schwellenritual für Jugendliche an den Wurzeln des Daseins

Wer könnte schon so verrückt sein, alle Annehmlichkeiten und allen Komfort unserer Zivilisation hinter sich zu lassen und vier Tage und Nächte allein in der Wildnis zu leben? Dunkelheit, Nässe und Kälte, Einsamkeit, Angst und Langeweile, Geister, Schlangen und Skorpione: warum sollte sich ein halbwegs vernünftiger Mensch all dem aussetzen? Und dann noch all das mutterseelenallein aushalten! Lässt nicht schon der bloße Gedanke daran alle Haare zu Berge stehen?
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Unter einem bestimmten Blickwinkel könnte man meinen, Visionssuchen seien nur wieder ein weiterer Adrenalin-Kick in der Reihe der Sensationen für eine gelangweilte Gesellschaft. Aber, genau so wenig, wie es sich dabei um ein reines Survival-Abenteuer mit esoterischem Anstrich handelt, sind sie weitere seltsame Varianten ausgeflippter Extremsportarten
Tatsache ist: die Praxis der Visionssuche ist uralt, möglicherweise so alt wie die Menschheit selbst. Wildnis ist als Katalysator und Entwicklungsraum für die Sinn- und Gottsuche immer geachtet und geehrt worden. Jesus, Mohammed und viele andere Heilige und Meister der Weltgeschichte sind zum Fasten in die Wüste gegangen und durch Weisheit und Erkenntnis gestärkt, inspiriert und verwandelt zurückgekommen.

Kaum eine Kultur der Erde hat je darauf verzichten können, ein wirkliches Ritual des Wandels für ihre Heranwachsenden bereit zu stellen. Schon immer wurde das Erwachsenwerden als die wohl gravierendste Krise des menschlichen Lebens erkannt, und folgerichtig als eine Reifungsphase, die von der Gemeinschaft mit größter Achtsamkeit und mitfühlender Unterstützung begleitet werden musste. Die Kulturen hatten dafür Institutionen und Zeremonien, die dem jungen Menschen halfen, die enormen Veränderungen in Körper und Geist verarbeiten zu können. Die innere Revolution, die sich in äußerer Rebellion zeigen muss, wurde so in einem Raum des Verstehens aufgefangen, integriert und sowohl für das Individuum als auch die Gemeinschaft nutzbar gemacht.

Das Drama des Jugendkultes

Weil diese Voraussetzung bei den selbst inszenierten Reifeprüfungen der Jugendlichen in unserem Kulturkreis heute weitgehend fehlt, steht die Entwicklung der Persönlichkeit an dieser entscheidenden Stufe vor einem Hindernis und kommt ins Stocken. Die hilflosen Versuche der Selbstinitiation lesen sich wie eine Liste der aktuellen „Jugendsünden“: Gewalt, exzessive Lebensführung, Auto-Wettrennen, Waffengebrauch, unkontrollierter Umgang mit Alkohol, anderen Drogen und Gefahr, Extremsport beziehungsloser Sex und mehr.

Wie sozialpsychologische Forschung erwiesen hat, sind Menschen, die in frühen Entwicklungsstufen verfangen und nicht durch den Prozess der Entfaltung ihrer eigenen Persönlichkeit bzw. eigenen Werte vorgedrungen sind, leichter lenk- und verführbar: klassische Opfer. Nur wer seine Reife im offenen und konfliktbereiten Wachstumsprozess erworben hat, kann zu einer diesbezüglich immunisierenden Klarheit finden.

Ehrliches Interesse

Wer mit Jugendlichen heute ins Gespräch über Visionssuche und andere Initiationsrituale kommt, trifft fast immer auf reges Interesse: Schulklassen erarbeiten das Thema im Ethikunterricht, befragen die Weltliteratur nach Geschichten und Poesie zum Thema. Sie sind geneigt, Sinn und Zweck einer solchen Praxis sehr genau und kritisch zu hinterfragen, erkennen aber meist deren Wichtigkeit sehr schnell. Erfahrungen in vielen Ländern belegen, dass noch immer die Kraft kompetent geleiteter, einsamer Fastenrituale wahre Wunder wirken kann. Verlorene Söhne und Töchter kehren als selbstbewusste Männer und Frauen in das Leben zurück, um eine sinnvolle Aufgabe in ihrer sozialen Gemeinschaft zu übernehmen.

Lange bevor wir Europäer die Macht über Natur, Kreatur und Mitmensch zum Götzen erhoben, ging es beim Ritual der Visionssuche schon immer darum, aus der „Welt“ vorübergehend ganz herauszutreten, hinein zu fallen in die ungebändigte Tiefe der Wildnis. Gemeint war eine Suche an den Wurzeln des Daseins.

Vision Quest bedeutet: Jetzt willst Du ankommen, Da-Sein, lauschen, Dich besinnen. Wahrnehmen und erkennen, was da draußen, da drinnen auf deine Aufmerksamkeit gewartet hat. Aus dem Grundlosen, dem Dunkel, kannst Du nun die wahren Fragen ans Licht heben. Das einströmende Licht der Sterne, des Mondes beginnt insgeheim in Dir zu reiner Freude zu reifen. Die Wiedergeburt Deiner essentiellen, heilen Natur kündigt sich erst an, wenn Deine Angst vor der wilden, einsamen Nacht, in den Stunden des endlosen, ewigen Wachens und Fastens über Dich hinweg geschwappt ist.

Die Vision Quest Leitung begleitet die Initianten wie eine „Hebamme“ auf ihrem Weg durch die Nacht zum neuen Tag, unterstützt von einem kleinen Team. Ihre Aufgabe ist es, für die Sicherheit aller zu sorgen und die Geburt der Initianten so gut wie möglich zu unterstützen. In den ersten drei bis vier Tagen bereitet sie sie auf die Zeit in den Bergen vor, zeigt ihnen das Land, weist auf Gefahren und angemessenes Verhalten hin. Man lernt Vertrauen zu fassen zum Energiefeld des Rituals und der Gruppe... Gemeinsam werden Motivationen und Fragestellungen geklärt, den Ängsten auf den Grund gegangen. Indem Tacheles geredet, nicht mehr ausgewichen wird, kann ein Schritt freierer Wahrheit möglich werden, die verborgene Potentiale zugänglich macht. Und dann:

„Ich konnte es kaum erwarten vom Berg hinab zu steigen. Ich konnte jetzt meinem Wert für mich und für die Menschheit erkennen und stolz auf mich sein. ...Und jeder einzelne Mensch ist ein Geschenk, das gewürdigt und respektiert werden soll. Die 3 Tage völliger Ruhe haben mir auch in meinem Alltagsleben mehr Ruhe und Gelassenheit geschenkt, die ich jetzt völlig genießen kann. Die Beziehungen zu meinen Mitmenschen scheinen viel tiefer und offener zu sein als bisher. Auch habe ich eine tiefe Zufriedenheit und großes Glück in mir selbst wahrgenommen und vor allem die Erkenntnis keinen anderen Menschen zum Glücklichsein zu brauchen. Meinem Selbst bin ich ein wesentliches Stück näher gerückt und jeder Schritt nach Innen und näher zum Wesentlichen bringt einen auch dem anderen Menschen näher, da das eigentliche Sein nicht im einzelnen Individuum steckt, sondern in der Einheit von allen“ Kathi, 17 Jahre
Shanti E. Petschel


Reifer Mann, du wirst gebraucht! -Elderhood, nur eine Zeitströmung?

Die Englisch Sprechenden sagen „Elder“, im Deutschen sagt man ohne groß nachzudenken „Alter“, auch ey Alter-eh! Fast jeder glaubt zu wissen, wer oder was gemeint ist. Doch wenn man eine verständliche Erklärung erwartet, wird es schwierig.

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Worüber reden wir? Ist es ein älterer Mann oder nur ein alt gewordener Mann? Hat er überhaupt (noch) etwas zu sagen? Wird er beachtet und geachtet? Wie hat er sein Denken und Wollen organisiert? Was ist sein tiefstes Interesse, was beschäftigt ihn, was will er verändern in der Welt? Wofür fühlt er sich verantwortlich, wofür übernimmt er Verantwortung? Was ist das, was er zu sagen hat? Ist er schon ein Elder?

In Dalmatien nennen die Jungen mindestens bis zum Ende ihrer Pubertät einen reifen, erwachsenen Mann mit seinem Vornamen und dem Zusatz Schior, also etwa Schior Mate oder Schior Ante. So sprechen sie über ihn und so sprechen sie ihn an. Schior ist die kroatische Form des mittelmeerischen Begriffs Senor für eine respektable Persönlichkeit.

Wer ist gemeint, wenn wir in Deutschland nach einem Ältesten fragen? War John F. Kennedy ein Ältester oder Konrad Adenauer, Ronald Reagan, Olof Palme? Wird Michail Gorbatschow ein Ältester genannt? Ban Ki-moon? Horst Köhler? Berlusconi oder Sarkozy? Vielleicht der Dalai Lama und Helmut Schmidt. Oder doch auch Benedikt XVI? Malidoma Some? John Bellicci? Harley Swift Deer Reagan und Sun Bear? Oder ist es doch nur der „gute eigene Großvater“, der von seinen Enkeln heiß geliebt wird und auf dessen Schoß sie sitzen mögen bis sie zur Schule gehen? Was ist gemeint mit Elderhood oder Ältestenschaft?

Für wen ist dieser weltweit zu spürende Trend des Bedürfnisses nach Ältestenschaft interessant und relevant?

Das Gemeinte ist das, was die Welt und die Jungen zu Recht erwarten und einfordern weil sie es so dringend brauchen. Dazu gehört die Bereitschaft sich selbst zu verändern. Selbserkenntnis erwerben, emotional erwachsen werden, das eigene natürliche seelische Potential erschließen, tief in sich gehen und für das Alter neue spirituelle Lebensperspektiven entwickeln sind angesagt. Ist ein alter Mann, der sich um das Wohlergehen seiner Enkel bemüht, dadurch bereits ein „Ältester“? Vielleicht ! All die Themen der Männerarbeit müssen mitgedacht werden, wenn es um Elderhood geht. Denn ohne die Entdeckung des spirituellen Magnetismus - wenn er in die Jahre kommt, hat ein Mann wenig Chancen ein Ältester zu sein.

Und doch hungern seine reifende Spiritualität und die incarnierte Spiritualität seines Enkels danach, dass sein Leben eine andere Richtung nehmen möge. Es hungert beide nach seiner reifen Männlichkeit, nach einer in die Tiefe strebenden Spiritualität, die dann auch dem Enkel hilft. Er möchte an der Seite einer ebenso reifen Partnerin Maß und Ziel sein den Jungen, zwei Generationen nach ihm. Alles das kann ihm aber nur zufallen wenn er es aktiv erwirbt.

Das Entwicklungsziel ist die „Mannreife“, eine Bezeichnung mit der nach meiner Meinung am deutlichsten ausgedrückt ist, was das englische Wort Elderhood eigentlich meint. Elderhood, Ältestenschaft oder Mannreife ist danach die Arbeit, die nicht mehr dem eigenen Wohl vorgeordnet, sondern der Bedürfnisse der jungen Generation ansichtig ist, der pubertierenden Jungen, die der emotionalen Anleitung bedürfen und eines vorgelebten Menschenbildes, dem nachzustreben sich lohnen könnte. Die Jungen verlangen zu Recht nach einem gereiften Vater oder Großvater. Sie brauchen ein männliches Vorbild, das Recht von Unrecht nicht nur sicher unterscheiden kann, sondern dieses auch gerecht tut. Sie brauchen ein Vorbild, das einer herzoffenen Zuwendung fähig ist. Die pubertierenden Enkel brauchen kompetente Begleitung und herzhaftes getragen Sein. Sie brauchen so sehr vertraute aufrichtige Ermutigung bei ihren zaghaften oder vehementen, manchmal geglückten, manchmal daneben gehenden Versuchen, ihren Weg zu finden in die Welt der Erwachsenen. Welcher reife Mann möchte dafür nicht gebraucht werden?
Vortrag von Knut H. Koch



Was ist Visionssuche?

Die VisionsSuche ist ein modernes Initiationsritual. Es verbindet in sich traditionelle Ansätze indianischer Schamanen Nordamerikas und Eurasiens und archaischer Modelle der Kelten und Germanen einerseits, sowie moderne Ansätze der spirituellen und transpersonalen Psychologie, der systemischen Tiefenökologie und der aktuellen Erlebnis-, Wildnis- bzw. Abenteuerpädagogik.

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Die nunmehr Jahrzehnte alte, achtsame Erprobung und professionelle Praxis hat gezeigt, daß eine hohe psycho-aktive Relevanz und therapeutisch–pädagogische Nachhaltigkeit in Bezug auf die Wirksamkeit bei angemessener und sachgerecht geführter Anwendung des Rituals zu erwarten ist.

Diese im pädagogischen Arbeitfeld überraschend deutlichen und für die Reifung der Persönlichkeit nachhaltigen Wirkungen ergeben sich primär aus folgenden Faktoren:

Isolation:

die Wirkungen von Isolation (Abtrennung von direktem Kontakt zu anderen Menschen) waren schon in frühester Zeit bekannt. Ist die Zeit des Alleinseins selbst gewählt und gut vorbereitet, hat sie besonders starke Effekte im Sinne einer ungetrübten Selbstwahrnehmung. Das Individuum kann seine eigenen Grenzen sehr gut erfahren, sich dadurch selbst klarer definieren. Die Beziehung zwischen „Selbst" und „Nicht-Selbst" wird verdeutlicht. Isolation wirkt also in Richtung Selbstdefinition, Autonomie und Individuation.

Fasten:

der freiwillige Verzicht auf Nahrung öffnet die Sinne für den dahinter liegenden Hunger nach Schönheit, Sinnerkenntnis, Zugehörigkeit, Gemeinschaft und liebevoller Zuwendung. Fasten ist ein heilsamer Vorgang an sich und trägt die Selbstwahrnehmung über übliche Begrenzungen hinweg. Über die sinnlich-körperliche Wahrnehmung des Essens-Hungers hinausführend werden die Sinne wach und quasi gereinigt von der Fixierung auf das Alltägliche, des Suchens nach Essen, Trinken und Befriedigung der ausufernden Konsumbedürfnisse.

Ausgesetzt Sein:

Die Erfahrung, mit der wilden Natur in unvermitteltem, intimen Kontakt zu sein, ist ein Schock für uns „Zivilisierte". Das eigene Leben wird in einem Kontext sichtbar, der die grundlegenden Lebensgesetze erkennbar macht: geboren werden, leben und sterben sind in ihrer naturgemäßen Verwobenheit deutlich vor aller Augen. Das Spiel der Naturkräfte geht nicht mehr durch den Filter der Zivilisation und der ihr eigenen medialen Vermittlung. So kommt das Individuum in unmittelbare Berührung mit dem, was wir „das Wilde" nennen und kann sich nicht mehr vor der Wildnis in sich selbst verstecken.

Wissen des Wilden:

Ohne zivilisatorische Hüllen, die unnötig sind, wenn wir uns in unserem eigenen inneren Zentrum finden, sind wir sinnlich, sensibel und zugleich wild und zart. Wildnis ist Unschuld. Sie ist unser aller Anfang und wird auch das Ende bestimmen. Wildnis bedeutet auch, die Kontrolle verlieren, oder besser: erkennen, dass wir sie nie hatten. Wer bei der Visionssuche draußen sitzt, wird von der großen Kraft des Wilden umflossen, berührt und durchtränkt. Die große Mutter Erde bietet ihre gestalterischen Dienste zur Neugestaltung des Individuums an...

Ritualisierung:

Die achtsame Begleitung durch ein bewusst gestaltetes Ritual schafft einen Raum der Würdigung. Das Geschehen wird durch etwas Festliches, eine deutliche Erhöhung der Aufmerksamkeit wichtig. Wenn, wie hier, ein Ritual gewählt wird, das schon eine sehr lange Zeit so angewendet wurde und einen zentralen Platz bei den sozialen Integrationsbemühungen der Gemeinschaften, die es verwendeten, innehatte, gewinnt das darin gemeinte Individuum eine besondere Ehrung und Wertschätzung seiner Person. Der Sozialorganismus drückt durch ein solches Ritual seine hohe Anerkennung des Einzelnen aus.

Zwang zur Selbstbesorgung:

Durch das Allein-Gelassen-Sein in der Wildnis wird das Individuum gezwungen, all seine Besorgungen und die Erfüllung seiner Bedürfnisse allein und vollständig „autonom" zu gestalten. Dabei werden fundamentale Abhängigkeiten von der Natur als Basis allen irdischen Lebens offenbar. Dieses Leben in der Einfachheit zeigt exemplarisch, was wirklich wichtig ist. Selbstbesorgung wird so zu einem Motor für Selbstverantwortung, macht erlebbar, was das bedeutet. Ernsthaftigkeit ist das Ergebnis der hier anzutreffenden Unausweichlichkeit.

Herausforderung zur Selbstreflexion:

Die Unmittelbarkeit der Naturerfahrung verweist den Menschen unweigerlich nach innen: dorthin, wo Gefühle, Emotionen und Gedanken in Widerspruch und Kampf miteinander liegen. Erinnerung und Konfrontation mit der real oder vermeintlich erlebten Vergangenheit spielen eine große Rolle. Das Individuum fragt sich selbst: wie, und wodurch bin ich das geworden, was ich jetzt bin? Wie sehen meine Beziehungen aus und was sind die Ergebnisse meines Handelns? Die Arbeit mit einem Tagebuch schafft eine ureigene „Geschichte", diese wiederum führt auf die Spur des persönlichen Mythos. Wer bin Ich?

Gemeinschaftserleben:

Die gemeinsame Zeit der Vorbreitung ist eine Zeit der individuelle  und sozialen Öffnung. Gemeinschaft wird wichtig, weil der einzelne seine Ängste und Freuden, Hoffnungen und Beschränkungen auch in den anderen, die mit ihm zusammen auf dem weg sind, widergespiegelt sieht. Im auf die Entdeckung von Sinn ausgerichteten Hoffen und Bangen ist Communion, die sich im aufrichtig gegebenen Versprechen, sich selbst und die Anderen nicht durch Leichtsinn und Überheblichkeit zu gefährden, verdichtet. Verantwortung wird da als lebendiger, reifer Dialog mit dem Schatten, der alle angeht, erlebt.

Konfliktbereitschaft, Konfliktlösung und Risikobewußtsein

Das relativ enge Zusammensein in der Gruppe der Peers wird zur sozialen Aufgabenstellung: während die Aufmerksamkeit mehr und mehr nach innen gerichtet wird und Erinnerungen, Empfindungen, Emotionen und körperliche Erfahrungen mehr und mehr fokussiert werden und im Einzel- und Gruppengespräch zum Thema werden, finden parallel im Außen Interessenkonflite, Verhandlungen über deren Lösungen und deren Mediation statt. Das stellt ein exzellentes Übungsfeld für verdichtete soziale Interaktion und die darin zu findenden gemeinschaftsförderlichen Verhaltensweisen dar.

Shanti E. Petschel