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Medizinrad

Grundlagen schamanischer Psychologie

Wachstum spielt sich in der Natur in zwei Gestalten, nach zwei sich ergänzenden Prinzipien ab: in Kontinuität und in Sprüngen. Wandel ist dabei eines der fundamentalen Phänomene des Lebens. Jede Veränderung stellt für den erreichten Standard eine Bedrohung dar, stürzt die gerade erst erlangte Ordnung in ein Chaos. Der Übergang zwischen Ordnung und Chaos ist die Krise: eine Chance jedes lebendigen Systems, sich weiter zu entfalten, seiner Bestimmung, seinem Ziel, seiner Vision näher zu kommen.
Bereits mit der Zeugung, der »Konzeption« und in allen weiteren Entwicklungsschritten des frühen Embryo begegnen wir der formativen Kraft der Krise: das im Ausgang stets offene Spannungsverhältnis zwischen Leben und Tod ist hinfort allgegenwärtig. So ist leicht erkennbar, dass die früh im Mutterleib erworbenen Lebensmuster im Umgang mit der unvermeidlichen »Lebenskrise als Wachstumschance« stetig wiederholte Anwendung im späteren Leben finden. Das bedeutet, dass wir uns in existentiellen Lebensübergängen stets nach dem Muster unseres prägenden ersten, prä- und perinatalen Verhaltens richten: wir wiederholen (rekapitulieren), was wir als leidlich erfolgreich erfahren haben, denn es hat uns im Angesicht des Todes (etwa während der Geburt) zum Überleben verholfen. So zeigt sich in jedem Tod das Gesicht der Geburt, in jedem Ende der Neubeginn.
Für uns Menschen gilt das genauso, wie für alle anderen Wesen. Nur wenn wir uns hingeben, können wir uns finden, wenn wir loslassen, beschenkt werden, wenn wir bereit sind zu gehen, können wir bleiben. Die Arbeit mit Naturritualen findet im Erkennen dieser Chance, die in jeder Krise steckt, ihren Königsweg. Doch um ihn zu beschreiten braucht es Mut, Erfahrung, Wissen und vor allem: Vertrauen.
Das Ritual ist die Sprache der Seele. Bilder, Symbole und Zeremonien beschreiben die unsichtbaren Gestalten, Bewegungen und Bezüge der inneren Welt. Wenn wir von „NaturRitual“ sprechen, meinen wir damit vor allem die natürliche, wilde Qualität der Bilder, Symbole und Zeremonien, die Mut und Kraft spenden für die Passage durch die Phasen der Krise, den Übergang in das Unbekannte begleiten und ermöglichen sollen.
Bewegung kann Erstarrung beenden, Berührung will Vereinzelung erlösen. Kontraktion wird von Ausdehnung abgelöst, das Harte ergibt sich, wird vom Weichen umschmeichelt.
Das NaturRitual ist eine Lebenshilfe und zeigt der Seele ihren Platz unter den Sternen. »Maturität«, die zentrale Qualität der erwachsenen Seele, ist die Verbindung der natürlichen Eigenschaften des Mütterlichen und des Natürlichen: Mater incl. Natur.
Ritual ist in diesem Sinne die Bestätigung der Richtigkeit des Natürlichen, ein machtvolles Plädoyer für die Unschuld des Wilden in allen Wesen.

Vorbereitung zur Praxis schamanischer Psychologie

Vor der Schwelle befinden wir uns im Land der Biografie. Wie, und durch wen sind wir das geworden, was wir sind. Aus welchen Quellen speist sich unsere Selbstdefinition, was ist die wahre Geschichte unserer Beziehungen. Wo in unserem Leben sind die Brüche, Traumen und Schocks, die von unseren frühesten Trennungserfahrungen herrühren. Der Lebensfragebogen ist eine Möglichkeit, sich diese Beziehungen und Wirkmuster vor Augen zu stellen. Zusammen mit der Landkarte des Genogramms kann sich ein Abbild der lange verborgenen, aber dennoch hochwirksamen Muster ergeben. Sich selbst besser kennen und verstehen lernen ist eine essentielle und wichtige Voraussetzung für das Leiten von Ritualen. Nur wer sich selbst wertschätzt und liebt, kann dies in Resonanz mit anderen erleben und das ehrwürdige Gefäß sicher halten, worin sich die unendlich empfindsame Wandlung im geheimnisvollen Dunkel vollzieht ...
Je besser vor der Schwelle aufgeräumt wird, die Kraft der Vergebung im Erkennen und Würdigen geübt wird, desto klarer werden die nötigen Schritte erkannt, die jenseits davon notwendig werden.
Das Medizinrad ist eine uralte Matrix: Quelle von Weisheit, Ankerplatz für wilde Emotionen und Halt für die schweifenden Gedanken. Gerade seine zyklische und holographische Qualität ist das Zentrum meiner ganzen Arbeit mit der Natur. Das Rad ist Schnittstelle, Push Me!, Quantensprung, Pforte, Ansatzpunkt, Fluchtpunkt. Es dient als räumliche Drehscheibe, zeitlicher Hafen, Mittelpunkt für den Tanz der Elemente. Das Rad hält alles zusammen, was sich aus der Mitte heraus durch Ausdehnung und Verflüssigung, durch die Zentrifugalkraft und Dynamik des Denkens, durch das Ausstreuen des Samens, durch das Spiel der Emotionen und Jahreszeiten entfaltet.
Hier lassen sich die Dinge wieder in Beziehung zueinander setzen. Bedeutung, Sinn und GEIST sind die Zentripetalkräfte, die alles wieder zurück in die ruhende Mitte führen.
Wer lernt, sich auf die Bewegungen des Alten Rades einzustimmen, findet seine Stimme wieder, wird gut gestimmt sein und anderen einen stimmigen Halt zeigen können.
Was macht einen vertrauenswürdigen Mentoren aus? Hier stellt sich die Frage nach einer Pädagogik des Herzens. Echtheit, Offenheit, Selbstwertgefühl, Rapport, Klarheit, Konsequenz: wie können wir all diese wichtigen Qualitäten in uns finden, begreifen und weiter entwickeln? Fördern leitet sich ab von Fordern. Wo die Herausforderung in unserem Leben herkommt ist meist klar. Wenn sie nicht verdrängt, unterdrückt und geleugnet wird, wird sie in gesunde Bewegung münden, die qualitatives Wachstum befördert. Die in den eigenen frühen Traumata festgehaltenen Energien können erlöst und für den kommunikativen Prozess frei gemacht werden.
Aber nur, wenn Vertrauen entsteht kann Offenheit sich dazu gesellen und ein lebendiger Austausch zwischen Seelen und Welt wird sich ereignen ...
Dies ist die Zeit für eine Geste! Wer durch das Rad gegangen ist und jenseits der Schwelle im Westen angekommen ist, wird etwas bekräftigen wollen. Er ist jetzt im Lande der »Erwachsenen« angelangt, wo das bauen, pflanzen, pflegen, zeugen und verantworten seinen Ort hat. Die angemessene Gebärde ist eine Hinwendung zum anderen, zum »Nicht-Selbst«. Der Beginn des Reifens. Hier sollte etwas real gepflanzt werden, die Erde mit dem ganzen Körper berührt werden. Ehrfurcht bringt Erdfrucht, sagte mir einmal ein alter Bauer. Wenn dann etwas wächst, darf man es getrost als ein Zeichen des Himmels sehen.
Niemand wird auf dem Rad des Lebens zum König (Norden), ohne dass er sich mit seinem dunkel-herbstlichen Westen innig verbunden hat, seine mature Konfirmation auf die Erde gelegt hat ...

Fragen an den Leiter der Ausbildung