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Pfad im Rad

Das Lebensrad

Elementare Kreise

Kreis, Kugel und Ei sind in der Natur eine „regelmäßige Besonderheit". Die Faszination ihrer Erscheinungen hat den Menschen bereits in seiner frühesten Zeit ergriffen und nie mehr losgelassen. So, als wäre die Erinnerung an den Anfang des Lebens in dieser harmonischsten aller Formen auf ewig gespeichert. In den frühesten Artefakten menschlichen Schaffens, die uns aus grauer Vorzeit erhalten geblieben sind, finden sich kugelige und runde Formen in Hülle und Fülle. Nicht nur die Eier der Vögel, Reptilien, Amphibien, Fische, Insekten und anderer niederer Klassen und Familien von Tieren sind rund oder rundlich, sondern auch die Eier und Keimzellen der höheren Lebewesen in ihren frühesten Stadien. Ja, selbst die Lebewesen an sich sind am Anfang ihrer embryonalen Entwicklung kugelige Winzlinge. Wir erkennen hier, dass das Leben sich in Kreisen, Kugeln und Eiern begründet, entfaltet, fort bewegt, wandelt und entwickelt. Das Runde ist die Mutter aller lebendigen Formen!


Lebensmittelpunkte

Eine der ältesten Kulturleistungen des Menschen ist die Beherrschung des Feuers. Wer einmal des nachts an einem knisternden Lagerfeuer gesessen ist, mag sich erinnern, wie der Lichtschein des Feuers eine kugelförmiger Sphäre innerhalb des Dunkels der Nacht bildet. Dieses Sphäre hat wohl offensichtlich für den frühen Menschen, der sich schutzsuchend mit seiner Sippe um das Feuer geschart hat, Sicherheit bedeutet. Wilde Tiere wurden durch den Lichtschein zwar einerseits auf die Präsenz von Menschen aufmerksam, hielten aber respektvoll Abstand. Mitten in der Nacht einen solch mächtigen Lichtschein erzeugen zu können, ein großes Feuer unterhalten zu können, bedeutete große Macht. Eine Revolution, eine Potenzierung der Möglichkeiten, sich gegen die anderen Lebewesen abzugrenzen. Das Feuer begann den Menschen über die anderen Lebewesen seiner Mitwelt hinaus zu heben.

Im  wärmenden Schein des Feuers sitzen zu dürfen, seine schützende Sphäre für sich nutzen zu können, bedeutete für jedes Mitglied der Sippe Sicherheit und Akzeptanz. Wer im Lichtkreis zu sehen war, gehörte auch dazu, war ein Mitglied, hatte einen Platz im Rund. Die Nacht war eine unsichere Zeit, eine Zeit, in der der Mensch besonders angreifbar war. Den meisten Beutegreifern in Schärfe der Augen und Ohren, in der Feinheit des Geruchssinns weit unterlegen; brauchte der nackte Affe die Macht „der kleinen Sonne". Den Lichtschein eines Feuers zu beherrschen war jetzt ein unerhöhter Machtzuwachs, eine ungeheuere Steigerung der Sicherheit, rückte den Homo erstmalig in die Nähe des Göttlichen.

Und eine Gruppe die untertags in verschiedensten Aktivitäten über ein größeres Areal verteilt war, fand sich um das gemeinsame Feuer wieder. So wurde das Feuer ein Dreh und Angelpunkt für die Gemeinschaft. Hier wollte das gemeinsam erarbeitete begutachtet, geteilt, und für das gemeinsame Wohl verwertet. Im Lichtschein des Feuers konnte jedes Sippenmitglied erkennen, welchen Erfolg die Mühen des Tages gebracht hatten. Es war hier zu erkennen, wie jeder individuelle Beitrag das Leben der Gemeinschaft verbesserte und trug.
Auch sozialer Rang, Würdigung und Bewertung der Handlungen jeder einzelnen Person ließ sich innerhalb der Gruppe um das gemeinsame Feuer am besten ablesen.

Wenn wir als moderne Menschen um ein nächtliches Lagerfeuer sitzen, spüren wir noch stets die uralte Faszination. Wir erkennen unseren Platz, sowohl in der Gemeinschaft, als auch unter den Sternen. Es ist nicht nötig zu sprechen, denn das Licht des Feuers spricht zu uns: über den Lauf der Sonne, über Verbundenheit, über Wärme, über Nahrung und Verzehren, über Zyklen und Höhepunkte, über Erinnerung, Ende und Verlöschen. Das Licht eines Lagerfeuers definiert einen Punkt, sowohl auf der Zeitachse, als auch im Raum. Es zentriert die Aufmerksamkeit einer ganzen Gruppe, indem es einen Mittelpunkt für die natürlich vorhanden Zentrifugalkräfte anbietet. Der Kreis der Umsitzenden wird durch Licht und Wärme miteinander verbunden. Das Feuer, das die Mitte bildet, hat für alle die gleiche, lebenswichtige Bedeutung. Dies bringt alle wieder zusammen, lässt Sicherheit und Ruhe einkehren. Alle können ihre Kräfte für den neuen Tag regenerieren, das Erarbeitete gemeinsam genießen.

Kreis als Abbild der Wiederkehr

Es erscheint naheliegend, auch für den zeitlichen Ablauf des Lebens ein zyklisches Modell zu benutzen, wenn die erfolgreichsten, kraftvollsten und klarsten Strukturen des Lebens ebenfalls zyklisch sind. Die bloße Existenz der Jahreszeiten ist schnell zu erkennen, jedoch sind subtile Veränderungen im Laufe von Jahren, übergeordnete Rhythmen keineswegs offensichtlich. Der Wunsch, größere Rhythmen und ihre exakten Phasen zu erkennen, sie voraus zu berechnen, führte zur Entwicklung zum Teil extrem komplexer zyklischer Kalender. (Maya-Kalender )

In der gedanklichen Hierarchie sind Medizinräder (in der Visionssuchearbeit auch Lebensrad genannt), in denen sich viele autonome Betrachtungsebenen miteinander vereinigen, überlagern und ergänzen, die höchst entwickelte Form eines Kalenders. Sie sind Kalendarien der Ökologie, des Naturhaushaltes, der persönlichen menschlichen Lebensuhr genau so, wie sie Beziehungen beschreiben, die zwischen Charakterqualitäten, Jahreszeiten und Elementarkräften wirksam sein können.

Ihr größter Vorzug schein mir indes die  Tatsache zu sein, dass sie fast völlig ohne technische Instrumente gehandhabt werden können. Alles, was es braucht, ist Wissen, NATUR und ein Blick auf die Sonne, um die Ausrichtung der Windrose bestimmen zu können.

Das Lebensrad ist ein Hilfsmittel, den Gesetzmäßigkeiten des Wandels auf die Spur zu kommen. Wandel bestimmt das Leben. Mehr noch: Wandel scheint das Gesetz des Lebens selbst zu sein. Bewegung, Veränderung der Gestalt, Wachstum,

Ausdehnung, Schrumpfung, das Entstehen neuer Verknüpfungen und Beziehungen, all diese Phänomene sind Phänomene des Wandels. Alles fließt, so beschreibt uns Thales von Milet seine Sicht der Welt. Aus dieser Perspektive erscheint die Welt wie ein Tanz sich wandelnder Gestalten. Das Leben ergießt sich durch einen unendlichen Reichtum, ein unfassbares, göttliches Kaleidoskop von Formen und Erscheinungen, die alle stets und immer dem Gesetz des Wandels unterworfen sind. Nichts bleibt wie es ist.

Mitte: der magische Ort

In der Suche nach einem Halt, nach einer Mitte des schwankenden, im freien Raum tanzenden, überaus verwirrenden Spiel der Kräfte scheint das Zentrum der geometrischen Form des Kreises einen magischen Ort zu bestimmen. Der Vergleich der Symbole von Mythen und Märchen, der essentiellen Kernaussagen in den Religionen der Welt, führt vielfach auf die Spur der zentralen Bedeutung der Symbole Kreis und Kreuz. Beide sind in alten Zeiten noch miteinander innig verwoben. Auch im Verständnis, das uns die Geometrie anbietet, hält das eine das andere in Balance, keines dominiert!

Während der Kreis ein Symbol für die Erde selbst sein mag, und ein Ausdruck für die Erkenntnis des Zyklischen aller Vorgänge auf ihr und um sie herum, deutet das Kreuz auf den Platz des Menschen an der Schnittstelle zwischen Himmel und Erde hin. Es ist dies die Beschreibung der Gleichzeitigkeit zweier gegensätzlicher Polaritäten. Ein Paradoxon!
Der Mensch, der sich aufrichtet, bildet die Vertikale vor dem Horizont. Damit wird der Ort auf dem er seine Füße stehen hat, zum Schnittpunkt, zum Standpunkt. Es ist immer dieser Ort unter den Füßen, von dem aus die Welt wahrgenommen wird. Mitte einer jeglichen Perspektive, und somit buchstäblich zentraler Ansatzpunkt aller Aussagen über das, was die Welt ist. Wie leicht identifizieren wir uns da mit unserem Standpunkt, vergessen, dass auch das Zentrum des Kreises mit dem Fluß des Lebens fortgetragen wird...

Die Linien, die sich von der Mitte weg bewegen, deuten hinaus. Dorthin, wo die Peripherie des Welt-Kreises groß, größer, unerreichbar und schließlich unendlich wird, scheinen dem Flug der forschenden Gedanken zu folgen. So wie das Auge in der wolkenlosen Sternennacht die Tiefe des Alls zu ergründen sucht, verlieren sich die Linien des Kreuzes in der Unendlichkeit jenseits der Atmosphäre des Bekannten. So erscheinen diese Linien gleichzeitig wie Koordinaten, an denen sich die suchenden Bewegungen des menschlichen Geistes orientieren können, messen lassen und letztlich ihrer eigenen Begrenztheit begegnen...

Während die Mitte, die gleichzeitig im Schnittpunkt der den Kreis in zwei jeweils gleiche Hälften teilenden Vertikalen und der Horizontalen liegt, Ruhe, Sicherheit, Dauer, Beständigkeit und einen hohen Standard von Kraft bedeutet, tummeln sich die Kräfte des Wandels, der Unsicherheit, der Bewegung, des Unvollständigen, irgendwo an der Peripherie des Kreises. In der Mitte das Sein, in der Peripherie das Werden. Die Beziehungen zwischen innen und außen, zentrumsnah und zentrumsfern sind vital, vielfältig, abenteuerlich.

[1] Könnte dies auch ein Hinweis auf die Bedeutung der frühesten Mutterkulte, mit ihren kugeligen –Göttinnenbildern sein? (Venus von Willendorf, Kretisch/Minoische Kulte, etc.)

Shanti E. Petschel