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Baumkronen-Tänzerin

VisionsSuche

Eigentlich weiß ich gar nicht so recht wo ich anfangen soll. Wann hat mein VisionsSuche begonnen?

Mit der Anmeldung, die ja gleich Auswirkungen auf meine Alltagsleben hatte? Ich musste organisieren, dass meine 4 Kinder während dieser Zeit gut versorgt waren. Während dieser zehn Tage wollte ich ja möglichst von nichts und niemandem gestört werden. Das hieß loslassen, vertrauen auf das, was kommt. Mir war nicht immer ganz wohl dabei.
Dann wollte ich die lange Fahrt natürlich auch nicht alleine machen, also nahm ich Kontakt auf mir Teilnehmern, die auf der Liste standen. Gedanken tauchten auf: Mit wem fährst Du da wohl?
Je näher der Termin rückte, um so bewusster wurde mir, dass es wirklich ein Abenteuer sein würde, das da auf mich zukommt. Mit diesem Bewusstsein wuchs aber auch das Vertrauen. »Egal was kommt, ich lasse mich darauf ein«- das war so meine Grundstimmung.

So trafen wir uns am Vorabend der Abreise zu dritt bei Martina in Freiburg. Ein erstes »Beschnuppern« und Kennenlernen fand bei einem gemeinsamen Abendessen in einem gemütlichen Gartenlokal statt. Danach rollten wir schon zum ersten Mal unsere Schlafsäcke aus und träumten unserem großen Abenteuer entgegen.
Das eigentliche Schlüsselerlebnis kam aber bei der Ankunft. Wir drei kamen ca. 1 Std. vor dem vereinbarten Termin an. Es goss in Strömen, schon auf der ganzen Fahrt. Die Frage stieg auf: Auf was habe ich mich da bloß eingelassen? Ich wusste ja, dass wir alle unsere Habseligkeiten für die nächsten 10 Tage noch ein Stück den Berg hochschleppen, oder mit der Seilbahn transportieren müssen. Ob wohl auch nur ein Stück trocken oben ankommt? Wie weit ist es wohl bis zu unserem Quartier? Wird VisionsSuche bei dem Wetter überhaupt stattfinden? Fragen über Fragen stürmten auf mich ein. Wie ich so im Auto saß und überlegte, ob ich aussteigen soll, wurde mir die Tragweite meiner Entscheidung erst richtig bewusst. Niemand von uns wusste, wie lange und wie hoch wir unser Gepäck schleppen müßten. Niemand war da, der uns sagte, ob wir überhaupt am richtigen Parkplatz waren und wie es weitergeht. Ja, das Abenteuer hatte begonnen. Als dann nach einiger Zeit Autos mit anderen Teilnehmern eintrafen, wussten wir zumindest, dass wir am richtigen Ort waren.

Jetzt ging es für mich drum: Aussteigen, oder noch nicht. Ich wusste, wenn ich aussteige, gibt es kein zurück mehr, denn dann bin ich triefnaß. Also, die Regensachen anziehen, die richtigen Schuhe an die Füße und hinaus in den Regen. War mir im Auto noch etwas mulmig vor dem, was da auf mich zukommen wird, nach dem ersten Schritt hinaus in den Regen war alles anders. Das Wasser und die frische Luft im Gesicht veränderten blitzschnell mein Empfinden. Mir war, als würde das Wasser alle Ängste und Befürchtungen abwaschen und den Kopf klar und frei machen. Es machte Spaß, den Regen auf der Haut zu spüren. Ich hatte plötzlich Lust, in die Pfützen zu springen, zu hüpfen, zu tanzen.

Wir begrüßten uns gegenseitig. Ich begrüßte auch den Regen. Er war jetzt mein Freund. Die ganze Situation war für mich komisch und wunderbar zugleich. Ich musste lachen, lauthals lachen, während ich den Regen genoß. Es war richtig befreiend.
Dann kamen Shanti, Karsten und Peter und begrüßten uns. Ihr liebevoller und herzlicher Empfang waren der schönste Willkomm. Sie luden uns alle in die kleine Bar unterhalb des Parkplatzes ein. Dort gab es nähere Informationen. Die Eröffnung, dass es bis zum Quartier nur 15 Minuten Gehzeit sind, weckte neue Lebenskräfte. Ich fühlte mich stark genug, meine Sachen auf Bauch und Rücken zu tragen, weil ich hoffte, dass sie unter meinem Regenumhang trockener ankommen würden, als auf der Seilbahn. Was ich nicht ganz packte, konnte ich in den nächsten Tagen nachholen. Nachdem das Gepäck aller Teilnehmer auf Seilbahn und Rücken verstaut war, ging der gemeinsam Weg los. Ein kurzes Ritual am Brunnen, dem Eingang in die »neue Welt«, half uns, diesen Schritt bewusst zu tun. Unser bisheriges Leben blieb hinter uns. Ein neues sollte ab jetzt beginnen. VisionsSuche lebt in uns!

Am nächsten Tag lachte die Sonne. Die Wolken waren verflogen, es regnete nicht mehr. Der Himmel meinte es also gut mit uns. Die morgendlichen Atem- und Körperübungen weckten die Lebensgeister und halfen, den Tag mit Bewusstheit zu beginnen. Für die nächsten Tage waren Wanderungen zum »Einlaufen« angesagt. Bei herrlichem Sonnenschein, durften wir gemeinsam in der Gruppe Kontakt mit Mutter Natur aufnehmen und etwas für unsere Kondition tun. Während dieser Zeit versuchten wir auch, »unseren« Platz in der Natur zu finden, mit ihm Kontakt aufzunehmen. Diese »Alleingänge« öffneten Sinne und Herz. Bäume, Pflanzen, Steine und Vögel begannen zu sprechen. Ein besonderes Erlebnis für mich war, als ich mich auf der Suche nach »meinem« Platz von einer Gruppe von Bäumen angezogen fühlte. Zum ersten Mal seit meiner Kindheit, kletterte ich wieder bis in die Spitze eines Baumes, genoss das Panorama der umliegenden Berge, beobachtete die Wolken, hörte das Rauschen der Blätter im Wind, das Singen der Vögel. Der Baum trug , wiegte und schaukelte mich, wie die Arme einer Mutter. Das Gefühl von Geborgensein und Freiheit war eins. Als wir dann , nachdem wir zur Gruppe zurückgekehrt waren, unsere Erlebnisse im Kreis sitzend austauschten, spürte ich das Wiegen und Schaukeln des Baumes in mir. Mir war, als bewegte mich der Baum immer noch. Diese Nachwirkung meines Daseins war faszinierend für mich, eben eine echte Erfahrung ( Im Avatar Buch lese ich dazu: »Erfahrung bedeutet, mit seiner Wahrnehmung gegenwärtig zu sein – ohne Definition, Erwartungen oder Urteil). Zu unserem VisionsSuche gehörte eine Einführung in Avatar. Sie führte uns zu klarerer Wahrnehmung der persönlichen Realität und versuchte, uns verborgene Überzeugungen und Glaubenssysteme bewusst zu machen. Für die folgenden drei Tage alleine am Berg war dies ein wertvoller Teil der Vorbereitung, vor allem was die Wahrnehmungsfähigkeit anging.

Am vierten Tag war es dann soweit. Sehr früh am Morgen fuhren wir mit vollbepackten Rucksäcken zum Ausgangspunkt unseres Aufstiegs. Das Wetter war immer noch klar und so durften wir den »heiligen Berg« Monte Rosa, in seiner ganzen Pracht strahlen sehen. Er hieß uns auf seine Art willkommen. Am Parkplatz nahmen wir Abschied von der »Zivilisation«. Jeder schulterte seinen Rucksack mit der gesamten Ausrüstung, die am Abend vorher noch mal »inspiziert« wurde. Die letzten Planen wurden verteilt, dann ging es an den Aufstieg. An einem wunderbaren Platz mit großen Felsbrocken baten wir Mutter Erde mit einem Ritual für den Westen um liebevolle Aufnahme. In luftiger Höhe, auf einem überhängenden Felsen mit herrlicher Aussicht, baten wir die Luftgeister in einem Ritual für den Norden, um ihren Segen. Nachdem wir das Basislager erreicht hatten, erleichterten wir uns erst mal unserer schweren Last. Die Lunge atmete wieder frei. Der heilige Berg, der Monte Rosa, grüßte uns in seiner mächtigen und imposanten Gestalt. Wir waren überwältigt, von dem leuchtenden Panorama, das sich uns bot. Dann suchte jeder ein paar trockene Zweige für das Feuerritual des Ostens. Mit ihm baten wir um Transformation unserer Schattenseiten.

Nun ging es ans Erkunden des Geländes. Gemeinsam durchstreiften wie das Gelände, damit jeder Ausschau nach seinem Platz halten konnte. Für mich war es faszinierend, wie einige schon nach kurzer Zeit ihren Platz gefunden hatten. In mir war die Frage: »Ob ich wohl meinen Platz finden werde?« oder: Ob sich ein andere wohl den gleichen Platz aussuchen wird?« Mit der Zeit reifte die Gewissheit in mir: »Mein Platz findet mich.«
Und er fand mich. Eine stille Freude breitete sich in mir aus. Gleichzeitig stiegen aber auch wieder Zweifel auf: Werde ich diesen Platz wiederfinden, wenn ich später mit meinem Gepäck auf die Suche gehe?
Wieder im Basislager baten wir die Wassergeister in einem Ritual für den Süden um Reinigung und Segen.

Mit einem Abschiedsritual und einer Reinigung mit heiligem Rauch wurde jeder Einzelne verabschiedet mit den Worten: »Das Geheimnis des großen Geistes sei mit Dir.« Mit einem letzten Blick verabschiedete ich mich von meinen Gefährten. Die nächsten Schritte führen in die Einsamkeit, ins Ungewisse. Der Aufstieg quer durchs Gelände, über Stock und Stein, mit dem schweren Rucksack ist nicht ganz einfach. In mir die nagende Frage: Finde ich meinen Platz wieder? Am Himmel sehe ich Wolken aufziehen. Angst macht sich breit: Was geschieht, wenn ich jetzt in langem Auf und Ab meinen Platz nicht finde und es zu regnen anfängt – dann ist gleich im voraus alles naß. Da entdecke ich eine große Felsplatte, bemoost und geschützt von einer Felsplatte an der Bergseite. Der Platz selber gefällt mir nicht so gut, aber in Anbetracht meiner Befürchtungen, beschließe ich, hier erst mal mein Lager aufzubauen um im Falle eines Regenschauers erst mal im Trockenen zu sitzen. Nach getaner Arbeit gehe ich doch noch auf die Suche nach »meinem »Platz. Ich finde ihn- oder besser: er findet mich- ganz in der Nähe meines Lagers. Nach erster Kontaktaufnahme mit dem Platz beschließe ich, umzuziehen. Bin mir aber nicht sicher, ob meine Entscheidung richtig ist. Dieser Platz ist nicht so geschützt, wie der andere. Als ich zurück zu meinem Lager komme, sehe ich, dass unter dem bereits ausgebreiteten Schlafsack Ameisen krabbeln. Ob das ein Zeichen ist, dass ich hier nicht so erwünscht bin? Ich deute es so und ziehe um. Meinen neuen Platz bitte ich um liebevolle Aufnahme. Das Lager ist bald aufgeschlagen. Die Wolken verziehen sich. Es kommt doch nicht zum Regnen. Die Aussicht von meinem Platz ist phänomenal. Vor mir der heilige Berg, über mir der Himmel. Ich sitze und staune. Das Gefühl, meinen Platz gefunden zu haben, lässt inneren Frieden und Ruhe einkehren. Irgendwann mache ich mich auf die Suche nach trockenem Holz für das Feuer in der letzten Nacht. Unter einem großen Felsbrocken, den ich als Aussichtsplateau benutze, versuche ich es vor eventuellem Regen zu schützen. Am nahen Bach fülle ich meine Wasserflasche und finde ein paar Steine für meinen Steinkreis. In der Ferne meine ich Donnergrollen zu hören. Ich überprüfe noch mal mein Lager, ob es wasserdicht ist und schlüpfe in meinen Schlafsack. Es dämmert bereist. Der erste Stern heißt mich willkommen. Ich bin einfach da, öffne Herz und Sinne für alles, was mich umgibt. Ich bitte um Segen und Beistand für die Nacht. Es ist eine wunderbare Nacht. Ich fühle mich Zuhause, geborgen, beschützt und willkommen.

Am Morgen hat sich das Bild total verändert. Dichte Wolken schleichen aus dem Tal herauf. Der Himmel ist bedeckt. Plötzlich fängt es an zu regnen. Blitzschnell bin ich aus meinem Schlafsack und nehme noch ein paar kleine Veränderungen an der Plane vor. Danach bin ich natürlich pitschnass. Nachdem ich mich in meiner engen Behausung umgezogen habe, stelle ich fest, dass mein Schlafsack von außen ganz feucht ist. Aus Angst vor der Kälte liegt meine Alumatte über dem Schlafsack. Durch das Kondenswasser ist dieser nun richtig naß geworden. Mein Stimmungsbarometer fällt auf den Nullpunkt. Ich denke daran, die kommende Nacht frierend verbringen zu müssen. So gut es geht breite ich den Schlafsack unter der Plane aus, hoffend, dass er trotz Luftfeuchtigkeit trocken wird. Ich spüre, dass ich die Nässe nicht mag, ja, ich habe Angst vor ihr. Denn Nässe bringt Kälte und Kälte heißt frieren. Mir wird bewusst, dass ich vor beidem große Angst habe. Da fallen mir die Worte von Karsten, unserem Avatar- Trainer ein: »fühle es!« Und ich spüre die Kälte : ich fange an vor Kälte zu zittern. Worte von Shanti fallen mir ein: »...wenn der Körper zittert, löst sich etwas«. Aber das will ich ja. So sitze ich und zittere und nehme dieses Gefühl an. Mit der Zeit merke ich, dass das Zittern nachlässt. Es ist zwar kalt, aber nicht so, wie ich es mir einbildete. Ich sitze und schaue und nehme wahr. Die äußere Umwelt wird zum Abbild meiner inneren Welt. Ich erkenne Dinge, die sich mir im Alltag oft verschließen.

Am späten Nachmittag stelle ich mit Beruhigung fest, dass mein Lager trocken geblieben ist und auch mein Schlafsack wieder trocken ist. Die Luftgeister schenken mir also ihre volle Unterstützung – Danke! (Außerdem hat sie auch einen wirklich guten Schlafsack! Anm. von Shanti ! ) Diese Dankbarkeit lässt mich zuversichtlich die kommende Nacht erwarten. Aus meiner Behausung krieche ich nur, um frisches Wasser zu holen und um meine Notdurft zu verrichten und natürlich um mein Steinmännchen aufzubauen, als Zeichen, dass es mir gut geht.
In der Nacht schlafe ich, mit einigen Unterbrechungen recht gut. Am Morgen werde ich von einem Vogel geweckt. Er war schon gestern immer wieder in der Nähe und hat sich mit mir »unterhalten«. Ich blinzle kurz, bedanke mich fürs Wecken, mache die Augen aber gleich wieder zu, nachdem ich nur dichte Wolken sehe. Der Vogel ruft wieder. Mir ist, als sagt er: »Steh doch endlich auf!« Also, öffne ich die Augen und setze mich auf. Am gegenüberliegenden Bergrücken hat die aufgehende Sonne ein wunderschönes rotes Band ausgebreitet. Eine tiefe Freude steigt auf. Danke, lieber Vogel, diesen Anblick hast Du mir geschenkt. Die Wolken können also nicht mehr ganz so dicht sein. Welch gutes Omen. Jetzt bin ich hellwach und beobachte das Spiel der Wolken mit der Sonne. Irgendwann im Laufe des Vormittags kommt Niket und berichtet, dass VisionsSuche abgebrochen werden soll. Einige Teilnehmer seien durchnäßt. Das Signal komme gegen 14 Uhr. Ich spüre Widerstand in mir, will hierbleiben, nicht abbrechen. Es sieht zwar noch nach Regen aus, regnet aber nicht mehr wirklich. Von meinem Platz aus kann ich Peter sehen. Ich werde beobachten, ob er geht. Nachdem es im Moment nicht regnet, hole ich frisches Wasser und entleere meinen Körper. Jetzt merke ich, wie schwach ich mich fühle. Das Fasten hat mir die Knie weich gemacht. ( Jetzt beim Schreiben merke ich: Ob das was mit Demut zu tun hat? ) Es kostet mich viel Kraft, Steine für den Steinkreis zu sammeln. Deshalb lege ich mich wieder auf meinen Schlafsack und genieße den wunderbaren Ausblick auf die Wolken, die jetzt immer mehr aufreißen. Immer wieder schafft es die Sonne, durch ein Wolkenfenster zu schauen. Dieses Naturspiel fasziniert mich, zieht mich ganz in seinen Bann. Ab und zu schaue ich, ob Peter noch da ist. Ich habe noch kein Signal zum Abbruch gehört. Vielleicht hat es auch der nahe Bach »verschluckt«. Peter hat sein Lager nicht abgebrochen. Er bleibt also - Gott sei Dank!

Am Nachmittag sieht es so aus, als schaffe es die Sonne, die Wolken zu vertreiben. Den ganzen Tag hat es nicht mehr geregnet. Ich mache mich daran, mein Feuerholz zu holen und den Steinkreis zu legen. Meine Unentschlossenheit macht sich wieder breit. Kann ich mich der Nacht ohne Plane ausliefern? Was ist, wenn es wieder regnet? Die Angst vor Nässe und Kälte ist stärker, als das Vertrauen in eine gute »Sterbenacht«. Also lege ich meinen Steinkreis unter meiner Plane und nicht wie vorhergesehen, auf meinen »Aussichtsfelsen«. Sorgfältig suche ich die Steine aus und stelle zu jedem eine Beziehung her. Die Verbundenheit mit den Steinen ist ein tiefes Erlebnis.
Das Feuer richte ich auf einer kleinen Steinplatte, die ich unter Aufwand aller Kräfte herbei geschleppt habe. Die nächsten Stunden sind von Staunen erfüllt. Sonne und Wolken bieten ein Naturschauspiel sondergleichen. Das Gefühl, Teil dieser Natur zu sein, lässt alles andere vergessen.

Bei Einbruch der Dunkelheit trete ich in meinen Steinkreis. Es ist ein unbeschreibliches Gefühl, das sich jetzt breit macht. Ich verbinde mich mit den Personen, die mit im Steinkreis sind. Ein Hauch von Angst umgibt mich: »Was wird mir diese Nacht zeigen?« Als ich drangehe, Feuer zu machen, verlangt diese Tätigkeit meine volle Aufmerksamkeit. Gras und Holz sind durch den langen Regen doch nicht ganz trocken geblieben. Mein ganzer Atem, viel Geduld und Ausdauer sind erforderlich, bis es endlich brennt. Hurra! Die Plane entferne ich nun ganz. Jetzt erst merke ich, dass der Himmel sternklar ist. Nach und nach übergebe ich dem Feuer mein bisheriges Leben, bis es endlich erlischt und nur noch die Glut leuchtet.

Der funkelnde Sternenhimmel zieht mich in seinen Bann. Ich versuche, Sternbilder zu erkennen. Es ist kalt. Bis zum Bauch schlüpfe ich in meinen Schlafsack. Das Murmeln des nahen Baches hört sich an wie Menschenstimmen. Ich sitze und lausche und staune. Mit der Zeit werde ich müde. Um mich wachzuhalten, fange ich an zu singen. Zwischendurch mache ich ein paar Körper- und Atemübungen. Ich stelle fest, dass der Sternenhimmel sich verändert, die Sterne wandern.

Irgendwann aber überfällt mich das Gefühl, die Nacht ist endlos. Die Augen wollen mir zufallen. Wieder singe ich und bewege mich, lege mich hin und beobachte die Sterne. Dann für einen kurzen Augenblick – bleiben die Augen zu – nur nicht einschlafen! Wach bleiben, bis die Sonne aufgeht. Wieder singen, bewegen warten. Heute ist die längste Nacht meines Lebens. Sie will gar nicht enden. Gerade , als ich den Kampf gegen den Schlaf aufgebe will und mir sage, wenn die Augen jetzt zufallen, schlafe ich eben ein, erkenne ich, dass Umrisse des Monte Rosa deutlicher hervortreten. Ich traue meinen Augen kaum, starre in die Dunkelheit. Wirklich, der Berg wird deutlicher sichtbar, auch die Sterne werden weniger. Es ist wie am Abend, nur rückwärts. Jetzt bin ich hellwach. Das Glühen des Monte Rosa möchte ich auf keinen Fall versäumen. Es ist ein langes und wunderbares Schauspiel, wie die Nacht dem Licht weicht.

Jetzt beim Schreiben meines Berichtes, wird mir bewusst, dass gerade in dem Augenblick, wo ich aufgeben wollte, bzw. aufgegeben habe, gegen den Schlaf zu kämpfen, die Veränderung eintrat. Es war die Zeit des Übergangs von der Nacht in den Tag. Der Übergang war bereist zu erkennen, aber bis zu dem Zeitpunkt, wo die Sonne aufging, dauerte es noch eine ganze Weile. Während dieser Zeit waren ganz feine Nuancen der Veränderungen zu erkennen. Was erst nur als Umriß erkennbar war, wurde immer deutlicher erkennbar. Es bedurfte aber einer großen Wachheit, um die wahrzunehmen. Wie oft in meinem Leben »verschlafe« ich diese Übergänge? Dann endlich, endlich: der Berg beginnt zu glühen. Ein neuer Tag beginnt. Ich singe vor Freude. Tiefe Dankbarkeit durchströmt mich.

Langsam, immer mehr taucht die Sonne den Monte Rosa in rosafarbenes Licht. Jetzt, der erste Schrei ! Er kommt von unten. Voller Freude lasse ich einen Schrei los. Dann – ein Echo. Ich schreie noch mal. Es ist so befreiend. Am liebsten möchte ich mich jetzt hinlegen, lauschen, staunen und mich ganz dem hingeben, was kommt und dann noch eine solche Nacht erleben. Dieses All – ein – sein in der Natur lässt tiefe Zufriedenheit wachsen, ein tiefes Vertrauen in das, was geschieht und schenkt ein Gefühl von Geborgenheit.
Aber jetzt heißt, es, den Platz wieder verlassen, wie ich ihn angetroffen habe. Die Steine wieder an ihren Platz bringen, die Asche verstreuen, meine Siebensachen wieder im Rucksack verstauen und den »Heimweg« antreten, zurück zum Basislager. Oh, wie schwach ich mich dabei fühle. Gott sei Dank ( oder: hoffentlich) sieht mir niemand zu, wie ich über Stock und Stein uns Basislager stolpere. Dort werde ich sehr liebevoll empfangen, von offenen Armen und einer heißen Tasse Tee. Es tut gut, so willkommen zu sein. Nach und nach treffen alle Teilnehmer ein, alle sichtlich schwach auf den Beinen. Es geht mir also nicht alleine so. Die Natur lädt uns nach unserer Fastenzeit zu einem Festessen ein. Himbeeren und Heidelbeeren gibt es in Fülle. Jeder macht sich auf den Weg, seinen Magen wieder auf Nahrung umzustellen. Ein Teil von mir freut sich, wieder in der Gemeinschaft zu sein, der andere Teil wäre lieber noch alleine, möchte ruhen, nachspüren. Ich suche mir einen Platz in der Sonne und verdaue die gegessenen Beeren. Die Kräfte scheinen langsam wieder zurückzukehren.

Gegen Mittag kommt Georg mit Äpfeln, Brot, Butter und Käse. Das gemeinsame Mahl wird zu einem Ritual. Ich begnüge mich mit 2 Äpfeln, möchte meine Verdauung langsam wieder ans Essen gewöhnen. Nach diesem Picknick machen wir ein gemeinsames Abschiedsritual unter einer ehrwürdigen alten Lärche, die uns das Harz für den Rauch schenkt. Diese Handlung, das ganze Ritual erlebe ich als heilend – als heilig. Ich bin tief berührt. Den Rauch aus Wacholder, Lärchenharz, Salbei und Alpenrosensamen atmen wir bewusst ein. Wir danken diesem Ort für die liebevolle Aufnahme und alles, was er uns geschenkt hat und segnen ihn.

Danach geht es an den Abstieg. Ich staune, wie schnell sich meine Kräfte regeneriert haben, schreibe es den Beeren und Äpfeln zu. Keine Spur mehr von Schwäche, jedenfalls nicht zu vergleichen mit dem Abstieg ins Basislager. In der Rückschau wird mir klar, dass dieser Kraftstrom wohl sehr viel Nahrung durch das Ritual erhalten habe. Es waren nicht nur die Beeren und Äpfel.

Die Gemüsesuppe in Bordo holt uns wieder vollends in die Zivilisation zurück, ebenso die warme Dusche, die alles ! Alte! Abwäscht Und natürlich das Bett, in dem ich keine Angst mehr haben muß vor Nässe und Kälte. Es ist schön, wieder unter einem Dach zu schlafen, beschützt vor den Unbilden des Wetters. Ganz tief innen ist aber eine tiefe Sehnsucht geblieben nach Weite, Natur und Abenteuer. Die nächsten Tage gehören ganz der »Verarbeitung« unserer Erlebnisse. In jedem Bericht der Teilnehmer finde ich ein Stückchen von mir selbst. Die Vertrautheit der Gruppe lässt eine große Offenheit zu. Ich bin tief berührt von jedem Erlebnis. Mir ist klar, VisionsSuche wird weiter wirken.
Das war nur der Anfang. Und VisionsSuchewirkt weiter. Ich spüre ganz deutlich, dass ich mich in dieser Phase des Übergangs befinde. Ich möchte einen Schritt heraus aus meinem Hausfrauen – und Mutterdasein machen, neue Aufgaben übernehmen. Die Grenzen sind aber sehr deutlich zu spüren. ( Die Konturen werden deutlich sichtbar).
Die Kinder wehren sich. Ihr Beschütztsein und Umsorgtsein bekommt Löcher, wenn Mama nicht immer erreichbar ist. Sie müssen selbst Verantwortung übernehmen. Mir wird durch verschiedenstes Handeln klar, wie nahe sich fordern und fördern sind. Wenn ich gefordert werde, kann ich wesentlich mehr leisten. Wenn ich weiß, jetzt gilt es, bin ich bereit zum Handeln. Genau diese Erfahrung mache ich mit den Kindern. Wenn sie vor eine Aufgabe gestellt werden, z.B. einen Tag für sich selbst und die Geschwister zu sorgen, dann können sie es. Aber ich muß es auch fordern. Die Freiheit, die jeder einzelne dabei gewinnt, macht Freude. Gemeinsame Stunden werden viel mehr geschätzt. Diese Phase muß aber ein Übergang sein dürfen, d.h. es braucht alles seine Zeit. Ich weiß von mir, dass ich lieber schneller vorwärts gehen möchte. Dieses Erlebnis mit dem Übergang hat mir aber vieles bewusst gemacht. So wird mich VisionsSuche weiterhin innerlich begleiten und führen. Ich bin unendlich dankbar für dieses Geschenk und würde es jedem Menschen wünschen.

Mein Name: Tree Top Dancer